Larsen Sechert zu „Das Gurren der fünf weißen Tauben“ in der Theatrale in Halle – Theateraufführung der „Hofnarren“

Larsen Sechert im Interview zum Stück "Das Gurren der fünf weißen Tauben"
Larsen Sechert im Interview zum Stück "Das Gurren der fünf weißen Tauben"

In der Kantine der Theatrale in Halle saß mir gegenüber ein junger, sympathischer Mann, der sich bei diesem Stück bescheiden selber Spielleiter und nicht Regisseur nennen möchte. In einem halbstündigen Gespräch, konnte ich etwas mehr über ihn, über das Stück und über die Arbeit mit Behinderten erfahren.

Arbeiten Sie für den Riebeckstift, oder sind Sie freier Regisseur?

„Ich würde das lieber als Spielleiter bezeichnen und ich bin hier sozusagen frei angestellt als Honorarkraft. Ich komme einmal die Woche und probe mit den Spielern und bin dann weg. Letztendlich arbeite ich ca. 12 Stunden im Monat mit den Darstellern.“

Larsen Sechert im Interview zum Stück "Das Gurren der fünf weißen Tauben"
Larsen Sechert

Also sind Sie selbständig?

„Ich bin halb freiberuflich und halb angestellt in kleinen Theatern in Leipzig.“

…und welches ist das in Leipzig?

„Das ist das „Theatrium“ in der Miltitzer Allee.“

Dort arbeiten Sie viel mit Jugendlichen zusammen?

„Vorwiegend, aber nicht ausschließlich.“

Wie sind Sie jetzt hier zu diesem Projekt gekommen?

„Dies war die erste Spielleitergruppe, die ich hatte. Das war damals 1999 und seit dem hat sich das gehalten.

Die Idee „Das Gurren der fünf weißen Tauben“ zu spielen kam von Eberhard Friedrich. Er war auf der Messe, hat den Autor kennen gelernt, hat gesehen, wie er dort gelesen hat und fand das so skurril, dass er sich dachte, da machen wir gleich mal ein Theaterstück daraus.

Ich habe mir den Text durchgelesen, war auch sehr begeistert, aber habe mir nicht vorstellen können, das mit Behinderten machen zu können. Ich dachte mir, so ein Einmann-Stück, wo jemand ließt, oder wo die Texte irgendwie eingespielt werden ist mit Behinderten schwierig umzusetzen. Aber irgendwie hat er mich doch davon überzeugt und im Nachhinein bin ich auch froh, dass wir das gemacht haben.

Die letzten beiden Stücke, die wir inszeniert haben, waren, ich will nicht sagen ähnlich, aber es war doch schon eine gleiche Handschrift zu erkennen. Aber jetzt, durch diesen Text, der einfach so ganz anders ist als das, was wir bisher gemacht haben, haben wir einfach wieder etwas Neues für uns entdeckt. Das war das Angenehme.“

Ich denke, das war eine gute Idee und ich fand es hervorragend. Ich habe es gelesen und dachte, dass ist eigentlich für Behinderte gar nicht so schlecht zu spielen.

„Absolut. Ich glaube zwar nicht, dass sie verstehen, was da passiert, aber es geht ja um die groben Sachen, die Behinderte verstehen. Zum Beispiel haben wir Warten auf Godot gespielt und haben gefragt, worum geht’s. Wir erwarten natürlich,  dass da eine rationale Antwort kommt, eine kognitive Antwort, so wie nach unseren Vorstellungen, so wie wir uns das vorstellen, so wie wir es gelernt haben. Das passiert aber nicht. Aber sie können sich an einer Sache festhalten, z.B. Wir warten, es geht ums Warten und das ist wirklich richtig. Und hier wissen sie, es geht um Tauben, die Scheißen und es geht um jemanden der immer läuft. Das ist nicht schlecht.“

Es existiert für dieses Stück ja nur das Buch, aber Sie brauchten doch für das Theaterstück sicherlich ein Skript, ein „Drehbuch“, wer hat das Buch umgesetzt? Waren Sie das?

„Zusammengestellt, ja. Aber es ist so, daß die Texte vom Band kommen und wir haben versucht Bilder zu finden. Bilder, die einfach die groben Richtlinien, die groben Stationen dieses Buchen wiedergeben.

Also was natürlich nicht klappt ist, Behinderte auf die Bühne zu stellen und sie mit auswendig gelernten Text zu konfrontieren, sondern die eigene Ausdrucksmöglichkeit, die der Behinderte hat, zu nutzen.

Das geht viel besser über Bilder und über kurze Improvisationen. So haben wir versucht das zu verknüpfen und haben festgestellt – und das widerspricht dem Buch, oder zumindest meiner Interpretation, nicht – das da eine Parallele vorgestellt wird, einfach eine Welt, wo alles freier ist, wo es keine Konvention, keine Vernunftregeln und auch keine anderen beängstigenden Gesetze gibt. Sondern wo einfach jemand frei losmarschiert.

Wir haben dazu versucht, wiederum eine Gegenwelt zu finden, d.h. die Alltagswelt. Diese haben wir versucht darzustellen mit jemandem der immer ständig Hosen verkauft, mit einer, die sich im Park unterhält, drei Leuten, die die ganze Zeit nur rumsitzen u.s.w.

Larsen Sechert im Interview zum Stück "Das Gurren der fünf weißen Tauben"
Larsen Sechert

Das versuchen wir gegeneinander zu stellen, ohne auf eine Aussage oder eine Deutung hinzuarbeiten, sondern einfach nur um offene Bilder zu kreieren, wo der Zuschauer sich einfach nur sein eigenes Gesamtbild machen kann.“

Wie haben Sie die Darsteller für die einzelnen Rollen ausgesucht?

„Die Rollen entstehen. Es läuft hier nicht so ab mit Amateuren, dass ich als Regisseur… – es gibt einige, die sind immer sehr stolz auf sich, sich so nennen zu können, ich könnte mich eigentlich auch so nennen, aber ich nenne es lieber Spielleiter. Das finde ich angemessener.-

Es entsteht einfach. Meine Aufgabe besteht darin Impulse einzubringen und grobe Richtlinien, grobe Rahmenrichtlinien vorzugeben, um zu schauen, wie die ausgefüllt werden. So wie sie ausgefüllt werden, entstehen nicht Rollen, sondern Spielaufgaben. Spielaufgaben z.B., dass jemand einfach über die Bühne läuft in einer bestimmten Haltung. Das ist keine Rolle, das ist eine Spielaufgabe und so werden die Spielaufgaben nach den Fähigkeiten, Möglichkeiten der Spieler einfach zusammengestellt.

Meine Aufgabe besteht einfach darin, das zu ordnen. Ich kombiniere das zusammen, aber das ist nicht mein Material, das ist das Material, was von den Spielern kam, größten Teils. Natürlich auch Ideen von den Betreuern Bettina Geißler und Eberhard Friedrich.“

Wie schwierig ist es, wenn Sie eine Idee haben, und wollen gern, daß der Behinderte nicht immer nur das macht, was er sonst auch macht, sondern auch mal etwas anderes. Wie erklären Sie das Ihren Darstellern? Ist das sehr schwer, oder verstehen sie das?

„Das ist eine gute Frage. Ich glaube, die behinderten Spieler verstehen sehr viel mehr als uns vielleicht möglicherweise sogar lieb ist.

Das ist wirklich eine sehr gute Frage, weil, ich denke da gerade an einen Spieler, der kann wunderbar dirigieren, wenn die entsprechende Musik kommt, aber darüber hinaus ist es schwierig möglich, noch etwas Neues zu entdecken, und selbst das Dirigieren baut jetzt ab. Was einfach nicht funktioniert ist, den Spielern etwas überzustülpen.

Das macht es  über mehrere Jahre schwierig, immer wieder etwas Neues zu entdecken und einfach zu gucken, was gibt es denn noch mehr für Ausdrucksmöglichkeiten.

Das Schöne war hier, bei vielen zu entdecken, daß sie auch eine gewisse Ruhe haben und diese Ruhe auf die Bühne bringen können. Dass eben nicht Stück für Stück irgendwie irgendetwas gepowered wird, sondern daß sie sich wirklich unheimlich viel Zeit lassen. Das sehe ich als kleinen Fortschritt, daß die Spieler lernen, sich einfach nur zu zeigen, einfach nur dazustehen und stehen zu bleiben und das wir jetzt nicht verschiedene Rollen entdecken, so wie Der kann jetzt in 3 Oktaven schreien u.s.w.

Einfach nur auf diese Art und Weise, daß sie mit verschiedenen Rhythmen umgehen können, zumindest nach Vorgabe.“

Macht es den Darstellern Spaß? Was ist Ihr Eindruck?

„Ich glaube, wenn es den Spielern keinen Spaß machen würde, würden sie einfach nicht mehr kommen. Das ist ein freiwilliges Angebot. Also davon gehe ich aus.

Z.B. haben wir eine Spielerin dabei, die wohnt in einer Außenwohnung, ist relativ selbständig und die hat eigentlich noch kein Angebot länger als ein halbes Jahr durchgehalten und bei uns ist sie jetzt schon fast seit zwei Jahren. Sie kommt ganz freiwillig und verzichtet auf ihren Urlaub, der ihr sonst hoch und heilig ist. Ich glaube, dass erzählt schon genug.

Natürlich gibt es auch manchmal Proben, wo ich den Eindruck habe, daß mache Spieler keine Lust haben und lieber draußen in der Sonne sitzen wollen. Das gibt’s, aber das gibt’s auch bei mir.“

Wer war für die Bühne und für die Kostüme zuständig?

„Es ist so, dass wir uns gar keine so großen Gedanken um Bühne machen. Wir brauchen einfach nur einen Spielraum für die Spieler, wo sie sich einfach nur in einem gesetzten Rahmen ausleben können.

Larsen Sechert im Interview zum Stück "Das Gurren der fünf weißen Tauben"
Larsen Sechert im Interview zum Stück „Das Gurren der fünf weißen Tauben“

Da darf die Bühne auf keinen Fall beschränkt sein. Die Bühne ist eigentlich immer gleich bei uns. Wir haben drei Stühle, manchmal auch noch Stellwände. Die Stellwände sind heute hier nicht notwendig. Das war’s auch schon. Weil das einfach das optimale Bild ist.

Was ich versuchen wollte ist, daß wir mal eine andere Form probieren. Dass die Spieler einfach mal an der Seite sitzen. Das hat aber in den Proben nicht wirklich funktioniert. So sind wir wieder auf die alte Form zurückgekommen, dass die Spieler hinter der Stellwand sitzen.

Die Bühne ist also immer sehr spärlich.

Um die Kostüme kümmert sich meistens Frau Geißler, die Ergotherapeutin. Sie näht das zusammen. Z.B. die Taubenkostüme hat sie genäht im Rahmen der Arbeitstherapie. Dann gibt es aber einige Kostüme, die sind eben sehr provisorisch. Da es dann wirklich auch an der Zeit und an der Finanzkapazität scheitert.“

Das heißt, die Spieler machen ihre Kostüme dann auch selber in der Therapie? Sie nähen, oder stellen sie selber zusammen?

„Sie stellen sie selber zusammen, sind auf jeden Fall an der Erstellung der Kostüme beteiligt. Ob nun alle bei Frau Geißler, das weiß ich nicht genau.“

Waren Sie denn mit den Kostümen zufrieden?

„Mit den Taubenkostümen ja, mit den anderen Kostümen bin ich nicht wirklich zufrieden – nein.

Heute geht es. Aber wir hatten auch schon einen Spieler in seiner Jogginghose. Aber was ich nicht wollte, ist, dass die Behinderten als Behinderte auf der Bühne ausgestellt werden. Das wäre ein typisches Ausstellen. Da kann aber Frau Geißler überhaupt nichts dafür, denn sie hat ja natürlich auch noch andere Sachen zu tun.

Aber jeder hat zumindest ein Kostümteil, denn das ist Theaterpädagogisch wichtig. Wobei  Theaterpädagogik hier für mich keine so große Rolle spielt. Mein Ziel ist es, ein künstlerisches Ergebnis zu erreichen mit den gegebenen Mittel, die mir zur Verfügung stehen. Ob das erreicht wird, wird der Zuschauer dann selber entscheiden.

… Und insgesamt, teils/teils. Mit den Taubenkostümen bin ich schon sehr zufrieden und mit den anderen Kostümen, da ist es schon sehr gespalten. Das hätte besser sein müssen. Ein bisschen mehr Aufwand, aber sei’s drum….“

Letztes Jahr haben sie ein Theaterstück mit dem Riebeckstift inszeniert. Ist es für nächstes Jahr wieder geplant?

„Ja, aber wir haben gar nicht so einen vorausschauenden Plan. Die Theatergruppe wird weiterhin bestehen. Was aber für ein Stück gemacht wird, ist noch nicht festgelegt. Wahrscheinlich werden wir wieder ein Krippenspiel machen. Aber ob wir für nächsten Sommer gleich wieder ein Neues machen, das wird sich zeigen. Wir müssen das jetzt erst mal ganzjährig spielen. Das war ja jetzt das erste Mal.

Die Theatergruppe wird es geben und es wird auch neue Stücke geben. Wie die aussehen kann ich jetzt noch nicht sagen.“

Ich finde fantastisch, dass Sie hier in der Theatrale spielen. Ist es das erste Mal?

„Ja.“

Wie kam es dazu?

„Wir wollten diese Premiere ein bisschen größer gestalten als es sonst passiert ist. Sonst war es so, daß die zum Sommerfest gespielt wurde und dann gab es noch einzelne Auftritte, meist im Theatrium in Leipzig, maximal noch in einer Schule und ansonsten nur im Pflegeheim. Diesmal wollten wir, wenn wir schon mal so einen Text haben von einem Autor, das einfach größer gestalten. Da war die Theatrale ein bisschen angemessener. Noch dazu kommt auch, dass es für die Spieler auch wichtig ist, mal raus zu kommen. Also nicht nur im Heim zu spielen, sondern auch mal woanders hin, auch wenn es nur um die Ecke ist. Das ist einfach ein richtiges Theater, und das ist das Pflegeheim nicht.“

Was haben Sie gelernt, was ist Ihre Ausbildung?

„Ich habe Theaterwissenschaften studiert, Literatur und Soziologie. Dann habe ich noch eine Clown- und Comedy Schauspielausbildung gemacht und mit ganz vielen Theatergruppen gearbeitet.“

Larsen Sechert im Interview zum Stück "Das Gurren der fünf weißen Tauben"

Wo haben Sie sonst noch inszeniert?

„Sehr viel mit Jugendlichen, z.B. mit der Spielkiste. Dann hatte ich fünf Projekte im Theatrium, auch mit Profis. Dann auch im Knalltheater. Das ist meine eigene Theatergruppe, sozusagen.“

Das Knalltheater ist auch in Leipzig?

„Ja, das ist in Leipzig. Aber ich wollte auch mal sehen, daß ich hier in Halle mal ein Gastspiel machen kann.“

Wo kann man mehr Informationen zum Knalltheater finden?

„‚www.knalltheater.de

— Dann arbeite ich auch noch mit der ‚Kulturinitiative Zwenkau‚ und noch einzelne andere Projekte. Also ganz verschiedene Sachen. Größtenteils mit Amateuren, aber auch teilweise mit Profis.“

Die Termine für die Aufführungen des Knalltheaters sind auf der Website?

„Ja und wir würden uns sehr über weitere Besucher freuen.“

Noch eine Frage, was wäre für Sie noch wichtig hier zu erwähnen?

„Für mich ist immer wichtig zu erwähnen, daß wir einen künstlerischen Anspruch, oder zumindest, daß ich einen künstlerischen Anspruch habe, mit den gegebenen Mitteln, die da sind – und keinen therapeutischen und keinen pädagogischen – auch wenn wir natürlich pädagogisch ein müssen, logischerweise.

Eigentlich gehört Pädagogik und Kunst auch zusammen, aber es gibt eben Pädagogen, die sehen das nicht als zusammengehörig. Für die ist es auch ok, ein Projekt zu machen, was eine Qualität hat, die nicht an der optimalen Grenze ist, und das trotzdem zu zeigen vor öffentlichem Publikum. Wo sich dann die Verwandten daran erfreuen können, dass es schön ist, dass der Spieler auf der Bühne steht. Das sehe ich nicht so. Es sollte eine gewisse Qualität haben, natürlich im Rahmen der Möglichkeiten. Die nicht ganz unbegrenzt sind.“

Interview mit Larsen Sechert am 16. Mai 2007 in der Theatrale Halle