Konzert von Till Brönner & Dieter Ilg im Rahmen des Kurt Weill Festes am 3.3.2018 in Dessau

Vor dem Konzert Essen gehen. Man wählt einen Salat als Vorspeise. Irgendwie hatte ich diesmal ein komisches Gefühl bei der Bestellung. Aber, obwohl ich nicht unbedingt ein Salatfreund bin, eher seiner Zutaten, vertraute ich meiner Erfahrung, dass letztere es wie fast immer raus reisen würden. Dann genieße ich ihn sogar wirklich.

Kornhaus Dessau 2018

Allerdings gab es dann ein Dressing, das mich stark an Joghurtdressing erinnerte, weil es das wahrscheinlich auch war, was ich aber offensichtlich überlesen hatte. Oder muss man da etwa gar nicht vorgewarnt werden? Joghurtdressing mag ich gar nicht. Es ist in meinen Augen eine abgespeckte Version des Sahnedressing, natürlich mit viel weniger Kalorien. Vielen schmeckt das bestimmt, nur mir gerade nicht. Oder schmeckt es den anderen auch nicht, und sie meinen nur, dass es ihnen schmeckt, weil sie ja auf das Gesunde stehen wie ihre Freunde und diese es ja auch vermeintlich toll finden?

Kornhaus Dessau 2018
Kornhaus Dessau 2018

Nunja, am Ende ging es dann irgendwie, die Hauptmahlzeit war dann umso besser, obwohl da vier Knorpel im Fleisch waren. Trotzdem gut, hab ich halt aussortiert.

 

Dann das Konzert. Nachdem mir meine Frau mitgeteilt hatte, dass wir dahin gehen würden, hatte ich irgendwie ein komisches Gefühl. Diese Art von Jazz ist nicht unbedingt mein Ding, aber erfahrungsgemäß schaffen es Künstler oft, durch Professionalität das ganze rauszureißen und der Funke springt über. Gerade der Jazz bietet da einige Möglichkeiten.

 

Einst hatte ich in Leipzig den Trompeter Allen Vizzutti gehört, ohne ihn vorher gekannt zu haben. Scheinbar ist man die Karten nicht los geworden und hat sie dann an die kirchlichen Posaunenchöre zu Tiefstpreisen verscherbelt. Ich hatte keinerlei große Erwartungen und dachte, naja, was soll schon groß kommen. Wie hatte ich mich getäuscht. Er hat es buchstäblich geschafft, mich schon mit dem ersten Ton völlig zu vereinnahmen. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Und es war völlig egal, was er spielte. Ich war hin und weg. Meine Begeisterung war grenzenlos. Ich bin überzeugt, hätte ein anderer die selben Stücke auch technisch auf sehr hohem Niveau gespielt, es wäre nicht annähernd dasselbe gewesen.

Ähnlich ist es mir mit Fazil Say ergangen. Klavier, wie langweilig. Glaubte ich. Ich hatte schon mal ein Konzert ertragen, um einer Frau zu imponieren. Das Konzert hab ich völlig vergessen, mit der Frau bin ich heute verheiratet. Wahrscheinlich hat sie meine Tapferkeit bewundert. Doch Fazil Say hat uns glatt umgehauen. Das war einfach unglaublich! Wie ist das nur möglich, dass manche Menschen einen so begeistern können mit einem blöden Klimperkisten??? Naja, seine Eigenkompositionen waren dann allerdings nicht so der Hammer.

Und nun Till Brönner und Dieter Ilg. Violettes Licht. Dann ging es los mit rauchigem Jazz und gezupftem Kontrabass, von Leonard Cohen, wie man hinterher erfuhr. Ich kann mir denken, dass der immer eine sichere Bank ist bei Zuhörern, die zu einer Trompete mit Kontrabass gehen. Genau die Musik, die ich erwartet hätte, ohne das spezielle Stück zu kennen. Hielt sich sehr an die Regeln. Sehr virtuos gespielt, im Vortrag perfekt. Es folgte Musik, die ich als sehr modern einordnen würde, nicht unbedingt modisch, was nicht bedeutet, dass nur das gut ist, was modisch ist, eher das Gegenteil. Bass und Trompete zeigten beide absolute Spitzenleistungen. Der Bass legte sich ins Zeug wie ich es noch nie vorher gesehen hab. Wohlgemerkt, einer mit vier Saiten. Find ich viel cooler als die fünfsaitigen. Die eigentlich tiefe Trompete überzeugte bis in die höchsten Töne, oft in perfekter Synchronisation zum Bass. Das war sehr beeindruckend. Es waren Improvisionen, die wohl auch nicht fest benotet waren und jeden Abend anders klangen, wie dazu bemerkt wurde. Improvisionen können ein ziemliches Eigenleben entwickeln und man hört dann das Stück, von dem sie kommen, überhaupt nicht mehr heraus. In diesem Fall kannte ich das Originalstück, wohl auch eine Eigenkomposition, auch gar nicht. Es gelang mir auch beim besten Willen nicht, irgendein Thema herauszuhören, ebensowenig wie eine Harmonie. Das klang alles super gut und nach jeder Solostelle wurde ein spontaner Beifall eingeschoben. Die kleinen technischen Tricks, die da manchmal per Fußbedienung zu Einsatz kamen, fand ich auch in Ordnung.

Wenn ich Herrn Brönner richtig verstanden hab möchte er nochmal erleben, wie damals die Regeln gebrochen wurden und die Leute darauf reagiert haben. Das war toll damals. Doch irgendwie führt der Jazz so ein Dasein im Hintergrund und es gibt nur wenige Kenner, die die Musik zu schätzen wissen. Nur ganz am Anfang, so in den Fünfzigern bis in die Sechziger denke ich, da war der Jazz richtig in. Erinnert mich fast an die Kirche. Heute gibt es bei der modernen Musik gar keine Regeln mehr, ausser der, dass es möglichst wenig harmonisch sein soll, doch der Kreis der wahren Genießer hält sich immer noch in Grenzen. Ohne Regeln kann man auch keine brechen, was ist dann noch spannend? Mal ehrlich, kann Musik von John Cage, die reineweg nur auf Zufällen basiert, also von einer Maschine komponiert werden könnte, wirklich Leute begeistern? Ich finde die Idee ja ganz witzig, aber ein Konzert möchte ich mir nicht anhören.

So extrem ist es bei Till Brönner nicht gewesen. Alle fanden toll was da geboten wurde. Ich muss allerdings dazu sagen, wenn ich manchmal auf der Trompete Aufwärmungen gemacht hab, so ohne jeden Plan rauf und runter, mal langsam mal schnell, dann mal einen Ton aushalten, das fand meine Frau auch toll, und dazu steht sie heute noch. Ich bin allerdings auf dem Niveau eines unehrgeizigen Choralbläsers stehen geblieben.

Zurück zum Konzert. Nichtsdestotrotz war der Vortrag schon sehr anspruchsvoll. Ich persönlich hatte Bedenken, dem gewachsen zu sein. Wie erlösend war dann doch zum Ende des ersten Teiles das Stück von den Beatles. Manchmal glaube ich, Gedanken hören zu können, und diesmal hörte ich deutlich ganz laut: „Aaah, ich hatte schon an mir gezweifelt, aber das war doch nur ein Ausrutscher. Ich verstehe die Musik ja doch!“ Und eine Riesenentspannung trat ein. So konnte man vergnügt in die Pause gehen, die Musik loben ohne seine Schwachstellen offenbaren zu müssen, und konnte dabei noch ein gutes Gewissen haben. Gut gemacht.

Till Brönner und Dieter Ilg zum Kurt Weill Fest in Dessau 2018 - Ticket
Till Brönner und Dieter Ilg zum Kurt Weill Fest in Dessau 2018 – Ticket

Mir ging dabei so durch den Kopf: Gibt es wirklich den lustvollen Durchbruch der Regeln nicht mehr? Wenn man ausserhalb ist und treibt etwas nur immer mehr auf die Spitze, bringt es das? Das ist das, was die Musikindustrie üblicherweise tut. Zum Beispiel die Chainsmokers bringen einen neuen Sound, klingt erstmal gut. Der wird dann kopiert und ausgequetscht bis es beim besten Willen nicht mehr auszuhalten ist. Und dann muss man im Niveau einfach runtergehen, und die Leute kaufen es trotzdem. Das ist berechenbar. Die Grenzen sind dort längst verschwunden aber es wird von der Industrie abgegrast bis da nichts mehr wächst.

Kreativität dagegen ist nicht berechenbar. Man nehme Everything Everything, Alt-J, die Yeah Yeah Yeahs oder Goat Girl. Es gibt noch ein paar mehr. Die haben nur die selben Mittel wie alle anderen auch. Und die machen richtig was Gutes. Mit solchen kreativen Geistern werden die Regeln nicht einfach gebrochen und die Anarchie eingeführt, es werden neue gemacht. Die gelten für eine Weile und dann gehts wieder weiter.

Man liest, zum Beispiel  Everything Everything fallen auf durch ungewohnte Akkordwechsel. Ich kann mir vorstellen, auch ein Bass kann ungewohnte Akkordwechsel machen und muss trotzdem nicht jede Harmonie hinter sich lassen. Aber das dunkle Violett vom Anfang war auch am Ende des ersten Teils noch da.

 

Nach der Pause kam eine sehr schöne Eigenkomposition. In mir keimte die Hoffnung, das könnte ein ähnlicher Einstieg sein wie damals bei Nils Landgren, den ich ebenfalls in Dessau-Rosslau in einer ehemaligen Fabrikhalle erleben durfte. Das ging dort bescheiden los und die Musik steigerte sich dann immer mehr. Ich war erst skeptisch, doch plötzlich erfasste mich ein Gefühl tief in der Magengegend und ich war einfach nur begeistert wie selten zuvor. Alles in mir ging da mit, ich hatte beinahe die Selbstkontrolle verloren.

Ähnlich wie Nils sang dann auch Till. Es war brasilianische Folklore und brachte südamerikanisches Flair in die Veranstaltung. Auch das auf höchstem Niveau.

Genau der richtige Zeitpunkt um dann die Stimmung weiter anzuheizen mit etwas Popmusik vom Kopf der Black Eyed Peas. Da gab es Nebel auf der Bühne und Lichteffekte.

Dann Charly Parker, der der letzte Titel sein sollte. Ich persönlich ertrage seine Musik nur in bestimmten Stimmungen. Das hier Dargebotene jedoch war einfach super. Es erinnerte mich an meine Armeezeit, als ich nachts in einem Vierbettzimmer lag und ganz leise das Radio laufen hatte. Es kam da allerdings nichts hörbares, nur Charly Parker. Ich versuchte es, und nach anfänglich stärksten Überwindungen, das Radio nicht auszuschalten, durchbrach die Musik plötzlich alle Regeln, die hier galten und ich empfand sie als ein Stück Freiheit.

Wirklich absolut gut gemacht, in technisch höchster Perfektion.

 

Ratet!

Als Zugabe ein Choral. Die Zuhörer hielten es offenbar für einen Witz, als sie die zugehörigen Nummern im Evangelischen Gesangbuch und im Gotteslob hörten. Es war „Ach bleib mit deiner Gnade“, EG 347 und Gotteslob 436, von Melchior Vulpius, der, wie richtig bemerkt wurde, aus Mitteldeutschland stammt. Wie die meisten (Kirchen-)Komponisten.

Hier wurde nun die fußbediente Technik voll eingesetzt. Es kam bereits ein Ton, bevor das erste Instrument einsetzte, ähnlich wie bei „Welcome To The Machine“ von Pink Floyd. Die auf der Bühne verteilten kippbaren und farbwechselnden Strahler kamen voll zum Einsatz. Es gab Hall und Echo ohne Ende. Am Bass wurde erstmalig der Bogen eingesetzt, der allerdings hinter dem vorherrschenden Ton kaum zu hören war. Sehr schade, da waren bei genauem Zuhören sehr interessante „Riffs“ zu hören! Davon bitte mehr! Ja das war sehr angenehm und eingängig, das ganze Gegenteil und die Entschädigung zu Charly Parker. Hat ja auch niemand gesagt, das hier wäre eine reine Jazz-veranstaltung.

Immerhin, eine Gemeinsamkeit habe ich nun doch mit Till Brönner: Diesen Choral hab ich auch schon oft auf der Trompete gespielt!

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