65001

Fünfundsechzigtausend-UND-e-i-n-s

Also eigentlich wollte ich ja zu dem #wirsindmehr Konzert nach Chemnitz fahren. Ich wäre DIE FünfundsechzigtausendUND-e-r-s-t-e gewesen, aber diesmal war der Friedrich der Dichterchevalliers von der Leuchtturmsiedlung einfach schneller und ich bekam eine Einladung zur Teilnahme an der diesjährigen Verleihung des Klopstockpreises nach Quedlinburg.

Naja, dann hab ich beides noch mal auf die Waage geschmissen und die 65000 Teilnehmer in Chemnitz gegen die 60 Teilnehmer in Quedlinburg aufgewogen und gedacht, ich kann den Friedrich und die schöne Stadt Quedlinburg nicht enttäuschen und bin dann diesmal hier und jetzt einfach die SechzigUND-e-r-s-t-e. Und im Übrigen „führt Literatur uns zusammen“, wie der Herr Robra so schön in seiner Rede redete und das folgt ja wiederrum einer ähnlichen Idee wie der zum Konzert gegen Rechts, WEIL! „Wer liest und begreift, hat, so will man denken, keine Zeit, auf der Straße herumzurandalieren und Jagd auf seine Mitbürger zu machen; er ist, das denke ich mir ideal zusammen, damit befaßt, diesen Welten, der, die ihn umgibt, der, die ihn in die Träume und Gedanken einlädt, Interesse entgegenzubringen.“1

Also Lesen ist zur Meinungsbildung wichtig und nicht immer nur BILDer angucken.

Auch Musik führt uns zusammen, in guten, wie in schlechten Zeiten und im Guten, wie auch im Schlechten. Und wer muniert jetzt so unterschwänglich, das K.I.Z Musik eine schlechte und menschenverachtende ist? Es mag ja sein, dass deren Musik in manchen Augen keineswegs ironisch systemkritisch strahlend leuchtet, sondern eher böse lasernd stechend weh tut, aber Leute! die BPjM hat’s durchgelassen. Also warum beschwert Ihr Euch jetzt über Eure eigenen Entscheidungen? UND letztendlich hilft Lasern ja so manchmal auch gegen Sehschwäche.

Warum stinkt man jetzt mit allen neidischen Mitteln gegen die Chemnitz Initiative an? So ein purer schlechter menschenverachtender Neid etwa? Weil sonst kein anderer außer der Herr Brummer und seine Gang 65000 Leute auf die Straße bringt?

Musik ist Macht und Musik hat im jetzigen Leben mehr Macht als Bücher. „Die Feder ist mächtiger als das Schwert“? -> „Die Note ist mächtiger als das Schwert“ – aha – und das trotz des dürftigen Musikunterrichtes an unseren an Lehrern mangelnden Schulen. So be swag und hab Charisma und die Massen folgen Dir und das am Liebsten noch für eine Gute Sache. Also warum, bitteschön, war das jetzt falsch, was die Jungs da mal spontan nach Chemnitz organisiert haben? Die Menschen brauchen solche Aktionen. Das schweißt sie zusammen. Sie kämpfen gemeinsam für eine Gute Sache. Ein massenwirksamer Effekt. Musik und Performance funktioniert sehr gut, besser als Lesen halt. Es erreicht und steuert auf einfachen Wegen viel mehr Menschen. Die Zeiten haben sich abrupt und so völlig unerwartet plötzlich geändert, auch, wenn der Herr Robra meint, es wird immer eine Gedankenwelt in gedrukter Form geben. Ja, das denke ich auch, aber der effizientere Weg im Moment ist halt ein anderer. ABER!  „man kann nicht schreiben ohne zuzuhören“2. Also dann hört doch mal zu, was die Jungs und Mädels auf der Bühne sagen und was sie musikalisch hart und ironisch unter ihre Noten schieben. So manchen düsteren Humor oder so manche Unter-der-Gürtellinie-Botschaft interpretiert man nicht gleich beim ersten Mal vor Entsetzen Kopfschüttelnd zuhörend richtig.

Also Fazit, kluge und gute Sache, dass mit den Jungs und Mädels auf der Bühne in Chemnitz, auch wenn etwas unkonventionelle und die gesellschaftliche Allgemeinheit verstörende Texte…. und auch nicht in Prosa. Etwas mehr in Gedichtform zu derben, lauten Tönen im 4/4 Takt, welche Menschen in Wallungen versetzen und zum Nachdenken pushed.
Also nix ist daran falsch und böse, Leute! DAS ist genau der richtige Enabler. DER haut rein!

Was jetzt aber nicht heißt, dass ein gutes Buch nicht reinhaut. Schwierig ist nur der Weg zum Lesen ist weiter als der Weg zum Hören.

Die Zeit ist so schnelllebig und hektisch, dass Lesen sich auf BILDer angucken und jetzt 280 Zeichen beschränkt. Was eigentlich wiederrum sehr schade ist, weil die Bücher mit den 600 Seiten so brillant geschrieben sind, und dies einem ja verwehrt bleiben würde, was wiederum nicht nur unseren Mind, sondern auch unseren Sprachschatz verkümmern läßt oder unseren Sprachschatz ein Industrie 4.0 verpassen würde. Vielleicht ist das ja eine Optimierung des menschlichen Seins, sowas wie sie uns täglich in der „Do it yourself Gesellschaft“ um die Ohren geschlagen wird. Wer hat denn noch Zeit zum Lesen, wenn er nur mit Rennen im Hamsterrad beschäftigt ist?

Ja, so ist das halt mit dem Opportunitäts(zeit)kosten. Und ich nutze jetzt mal die Opportunität nicht nach Chemnitz zu fahren, sondern an der Preisverleihung des Klopstockpreises für neue Literatur in der wunderschönen Stadt Quedlinburg teilzunehmen. In einer angenehm ruhigen Umgebung mit lieben und interessanten Menschen um mich herum. Also so ein bisschen Ruhe zwischendurch – auch was Schönes! HA! Na wo kommt das denn her? Wir sehnen uns nach Ruhe? Na sowas! Vielleicht danach mal ein gutes Buch zu lesen? Na sowas! Leute! Dann hört mal zu. Ich habe hier zwei sehr gute Empfehlungen für Euch! Die wurden gerade ausgezeichnet, einmal mit 12.000 EUR und einmal mit 3.000 EUR und einer ganz liebevollen und absolut perfekten Veranstaltung drumherum. Die Bücher „Kieferninseln“ von Marion Poschmann und „Die Hoffnungsvollen“ von Anna Sperk bekamen nämlich den Klopstock-Preis 2018.

Klopstockpreis 2018
Klopstockpreis 2018

Ach nee, Ihr wisst nicht wer Klopstock ist? Müsst Ihr vermutlich auch nicht, wahrscheinlich ist das Wissen, was kein Mensch braucht. DAS waren ja die Stars von gestern. Will man mit der Zeit gehen und in dieser swag sein, sollte man doch besser die Stars von heute kennen, damit man den einschlägigen Zeitungen auch folgen und sich seine Meinung über sein kleines Weltgeschehen bilden kann. Wollen wir mal hoffen, dass DIE nicht alle immer voneinander abschreiben, sonst wird’s schon ein bisschen einseitig – ne? Also wer die Einseitigkeit jetzt nicht ganz so mag und seine Gedanken mit Wortschatz ein wenig erweitern möchte (ps. habe gelesen, dass z.B. Rapper das ab und zu mal machen sollten, damit sie ihren Mind erweitern und viele schöne neue, oder alte, Wörter in ihren Texten verreimen können), der könnte jetzt mal nachlesen, wer der Klopstock so ist und was der für Prosa oder Lyrik so verfasst hat – na? Vielleicht ist ja was dabei, was man dann Verrappen, oder anderweitig gebrauchen kann. Also ich habe in dieser Veranstaltung viel über den erzählt bekommen, so dass ich direkt Lust bekomme seinen Messias zu lesen, oder so wie der Herr Robra das Gedicht „Die Waage“.

„Du zählst die Stimmen: wäge sie, willst du nicht

Des Ruhms dich töricht freuen, der dir erschallt.“

Sehr mühsam ist die Wägung! „Nun so

Zähle zugleich denn die Widerhalle.“3

Der Herr Klopstock war ein weiser Mann! Passt zu meinen anfänglichen Ausführungen – hm. Scheint, dass so manch Literatur echt zeitlos ist.

Also! Schreitet nur voran mit gut gemeinten Initiativen! Umso mehr Ruhm daran hängt, umso mehr Aufmerksamkeit wird auch den schönsten Projekten zu teil und umsomehr werden diese schönen Ideen zerpflückt und getreten. Die Menschheit wird sich draufstürzen, denn in ihrer tiefsten Seele ist sie nicht heroisch, liebevoll und uneigennützig, nein, in ihrer tiefsten Seele ist sie egoistisch, narzistisch, unzufrieden und neidisch!

Naja, vielleicht sehe ich das jetzt auch ein bisschen sehr schwarz/ weiss, aber irgendwie verstehe ich gerade nicht die ganzen bösartigen Gegenaktionen zu einer eigentlich doch von Grund auf gut gemeinten Konzertbewegung. Warum schießt es JETZT drauf aus allen Rohren? Weil nicht so ganz gesellschaftskonforme und weichgespülte Künstler dabei waren, die einfach mal gesagt haben „Ja, wir kommen“ ohne vorher abzuwägen, was das evtl. für bösartige Konsequenzen für sie persönlich haben wird? Also, wenn wir das jetzt immer so machen wollen und eigentlich gute Aktionen zerreden und verteufeln wollen, bis keiner sich mehr traut solche Sachen zu machen, dann Leute, bin ich dafür mich mit einem guten, hoffentlich unpolitischem, frei von anrüchigen und kontroversen Texten vielleicht mit schönen bunten Bildern versehenem Buch mit rosa Einschlag in meine rosa Traumwelt hinter den Regenbogenhorizont in Phantasien zurückzuziehen.
Aber bis es soweit ist, Leute, werde ich erst mal die beiden so liebevoll signierten Gewinnerromane lesen. Die sind nicht rosarot! Ihr glaubt gar nicht, wie neugierig mich die beiden Laudatio darauf gemacht haben.

Des Herrn Robras Eröffnungsrede, die überaus hervorragende Moderation (schade, dass man nirgends ihren Namen findet) und die Redner und Dankesredner der Show haben uns eine absolut geniale und beeindruckende Sinfonie von perfekten Satzaneinanderreihungen beschert. Ich war überwältigt von soviel Intelligenz und Brillanz, die man in Texten verpacken kann – unglaublich! Das ist das, GENAU DAS, was ich jedes Mal in unseren einschlägigen Zeitungen vermisse. Es macht einfach keinen Spaß mehr lokale Zeitungen zu lesen. Weil DIE Informationen in DER Form krieg ich auch im Twitter.  Ich will das, GENAU DAS, wessen ich an diesem Abend mit offenen Mund staunend zuhören durfte. Vergessen war Chemnitz, vergessen war die Hetzerei von Halle nach Quedlinburg, da war nur noch das hier und jetzt und die wunderschönen Melodien der so atenberaubenden und manchmal sehr emotionalen Reden. Eh Wahnsinn!

Nach dem stressigen Run vom Schreibtisch in das Palais Salfeldt der hübschen kleinen Sachsen-Anhaltischen Altstadt kamen mir die ausbremsend ruhigen Töne auf der Koto von Frau Takeyama aus Berlin genau richtig. Full Stop! Hopla, fast vorn übergefallen. Angenehm….. angenehm…. angenehme… entspannende Einstimmung auf die ruhige Welt der Bücher. So vom Highfield Galopp, über den Bauhaus Trab zum lockeren Klopstock Gang – ruhig mein wildes Tierchen, ruhig, hier kannst Du verschnaufen. – Wieso Berlin? Kam mir sofort in den Kopf. Aber vielleicht haben wir ja nichts Japanisches in unserem schönen Sachsen-Anhalt und Berlin ist ja eine Stadt voller kultureller Ansammlungen, da greift man gern mal drauf zurück. Haben die Chemnitzer ja auch gemacht. Die allerdings zu den derben und lauteren Tönen.

Also ich bin ja nebenbei auch ein wirklicher Klassik-Fan und kenne auch so mancherlei Instrumente der historischen Aufführungspraxis, schaue jetzt auch ganz deutlich mit roten Wangen betreten auf den Boden, aber so ein sonderbares Instrument hatte noch nicht den Weg in meine innere Welt gefunden. Meine innere Welt würde es vielleicht mit einer Zitter vergleichen, nur einfacher, mit weniger Saiten und dafür aber Stäge zum Tonhöhen regulieren und damit, würde ich sagen, wohl schwerer zu beherrschen als eine Zitter. Aber schon ähnliche Klänge, die Frau Takeyama uns in traditioneller Kleidung vorspielte. Denke jedenfalls, dass das traditionelle Kleidung war. Mir wurde sofort mit einem Schlag bewußt, ich habe keine Ahnung von japanischer Kultur, außer, dass evtl. ein Juse Ju in Japan aufwuchs und Japanologie in München studiert hat. <- Twitterwissen halt. Vielleicht kennt der ja eine Koto und ob diese hübschen Töne wohl in einen Rap passen würden? Mal etwas ruhiges, entspanntes, nicht so ein haudrauf Krawall wie in Chemnitz.

Och nee, ich wieder meilenweit entfernt vom eigentlichen Text, den ich schreiben wollte – oh Frau, wo ist wieder Deine Konzentration hin und kannst Du Dich bitte mal aufs Wesentliche konzentrieren! Kurze, einfache Sätze, damit das hier auch einer liest! So wie im Twitter, das sollte klappen, wenn sie gut sind.
Allerdings hat die lange Prosa den Vorteil, dass bis hier her keiner mehr kommt und ich jetzt eigentlich mir die ganz verrückten Sachen frei von der Seele weg schreiben, oder Euch mein ganzes Leben ausschütten oder noch besser sämtliche erotischen Twitter Tweets meiner Timeline hier niederschreiben könnte und keiner würde es merken – Ha! Vielleicht mache ich das ja mal. Und sofort schreit meine egoistische nach Aufmerksamkeit verlangende Seele in einer sehr lautstarken Tonhöhe und mit Falten auf der Stirn: „Warum zur Hölle machst Du das denn dann, hä?“

Zurück zu Herrn Robra – ja, ich sehe die Panik in Euren Gesichtern bis hier – Oh Gott, die ist ja immer noch am Anfang und immer noch nicht am Ende, noch nicht mal in der Mitte!  Also jetzt husch husch mit der Geschichte über eine Klopstockpreisverleihung, Lady!!! Nicht trödeln! Passe Dich bitte mal etwas mehr an das normale Leben an. Wir Menschen wollen hetzen, hetzen, hetzen…..  weiter, weiter, weiter…. keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit…. Peng Tod. Her mit den lebensverlängernden Bluthochdruck Tabletten! Das Hamsterrad muss sich weiterdrehen – schhhhhhhhhhhhhneeeeeellllllllllll –

Frau Takeyama freut sich über den angenehm ruhigen Applaus der < 65000 Menschen im Saal und ich mich über die Rede vom Kulturminister Sachsen-Anhalts. UND er hat mir sogar die Hand gegeben – vorher im Foyer, da, wo ich noch nicht wusste wer er war, ich dumme „Kulturspalte“. Aber ich erzähle Euch das jetzt mal nicht, denn das finde ich schon ziemlich peinlich. Und erst recht, weil seine Begrüßungsrede auch noch so richtig gut war, zumindest in meinen Augen.  Ich glaub, meine Kulturspalte könnte sich auch mal mit der politischen Kulturprominenz um die Ecke beschäftigen und nicht, wie alle anderen, immer mit solchen massenwirksamen Spektakeleien wie die in Chemnitz. Hm. Ich versprechs, ich werde mich drum kümmern.

Quedlinburger Nightlife am 03.September 2018.
Quedlinburger Nightlife am 03.September 2018.

Aber jetzt erstmal abtauchen in Frau Takeyamas wohlklingende Töne aus einer > 2000 Jahre alten Musikkultur und den darauffolgenden wohlklingenden und bewegenden Tönen der Laudatio von André Schinkel und Andreas Platthaus (FAZ) und den so perfekt überlegten und formulierten  Dankesreden der beiden Geehrten.

 

Eure Jana

 

1 – André Schinkel „Einen Punkt setzen. Laudatio für Anna Sperk anläßlich der Verleihung des Klopstock-Förderpreises 2018“; S. 1

2 – Rainer Robra in seiner Eröffnungsrede zur Verleihung des Klopstockpreises 2018.

3 – Friedrich Gottlieb Klopstock, „Die Waage“, 1. Strophe; Website: „Die deutsche Gedichtebibliothek“

 

Die wilden Kerle!
Die wilden Kerle!

 

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