Casper in Erfurt – Concert

Vor dem Konzert zwei Vorgruppen und Entspannungsmusik. Dann kam Queen mit Bohamian Rhapsody. Da war klar, es wird theatralisch. Das wurde natürlich voll ausgespielt. Spannung steigt. Vorhang plötzlich hell. Wo erst das Ende der Bühne für die Vorgruppen war, an dem Vorhang, ging sie jetzt erst los. Zu sehen auf dem Vorhang war das Stacheldrahtlogo. Ein Johlen ging durch die Menge. Geht es nun los? Nein. Irgendwelche Bonanzamusik. Muss das sein? Ja, so setzt man sich in Szene. Diese Musik auch bis zum bitteren Ende.

Dann fiel der Vorhang plötzlich herunter und wurde schnell weggetragen. Was war zu sehen? Nichts. Helle Lichtvierecke, die stroboskopartig blitzten. Wer von Computerspielen epileptische Anfälle bekommt, der wäre spätestens jetzt ein Notfall. Die Blitze wurden immer schneller und heller. Das Bild bekam irgendwie eine Eigendynamik. Es waberte. Dazu die Musik von „Alles ist erleuchtet“. Als der Text anfängt erscheint plötzlich die Silhouette von Casper ganz oben auf der Bühne. Die Menge tobt. Boah, das war echt der Hammer. Der hat wirklich alle Effektregister gezogen. Aber Effekte allein machen es nicht, und das war schon eins seiner besten Stücke. Würde er das auch auf Dauer untersetzen mit seiner Musik?

 

Die Lichteffekte nehmen kein Ende, Strahler strahlen parallel in die Menge, hoch und runter, die Stroboskope blitzen, alles perfekt zur Musik, Casper tobt über die Bühne, springt seitwärts auf einem Bein, jagt zurück, mal im Licht, mal verschwunden. Seiner Stimme ist von den Anstrengungen nichts anzumerken. Der Mann ist fit. Es geht übergangslos in das nächste Lied. Dann erst Begrüßung, wenn ich mich recht erinnere. Es ist ein Feuerwerk, nicht nur beim Ascheregen, was er da entfacht. Grandiose Winterlandschaften auf einem Bildschirm, der fast so groß ist wie die ganze Bühne, dann ist man plötzlich in einem Bunker, wo nur eine viereckiges Loch nach oben geht. Dann rotes Licht und Vulkane. Er singt mit seiner kaputten Stimme und dazu kommt ein richtig fetter Sound. Persönlich bin ich vom Rapgesang nicht ganz so angetan, aber diese Musik im Ganzen ist einfach grandios. Und immer kam ein nächstes Lied, was wird jetzt wieder für ein Sound kommen? Und es war immer gut. Das war waschechter Rock, einfach Klasse. Seine Performance ließ nicht nach. Gastmusiker kamen dann offensichtlich auch schon mal aus der Konserve, was soll’s.

Die Effekte wirkten umso mehr, weil man sie automatisch mit den nicht so üppig damit ausgestatteten Vorgruppen verglich.

Es gab ständig Aufforderungen, die Arme hochzuheben, was dann sicherlich eine ansteckende Wirkung haben soll. Klar sieht das von hinten imposant aus, wenn die da vorn wild rumwedeln.

Es gab auch Aufforderungen zum Springen, auch auf den Rängen, wo wir uns befanden. Ich war froh, dass dem nur einige Folge leisteten, es bebte und fühlte sich schon recht gefährlich an. Die Stimmung hier oben war bei etlichen sehr gut, die waren weggebeamt. Ich selbst habe mich, auch wegen meines hohen Alters, mit körperlichen Aktivitäten eher zurückgehalten, das würde dann schon albern aussehen. Trotzdem hat mich das alles wirklich sehr angesprochen.

Die Gitarristen standen, wahrscheinlich wegen ihrer neuen tollen Technik, wie angenagelt auf ihrem Platz. Ich dachte wehmütig daran, wie einst in Leipzig auf einer gigantischen Bühne vor dem Stadion Ron Wood mit der Gitarre umgehängt hunderte Meter weit Mick Jagger hinterherjagte. Das war damals eben keine One – Man – Show.

 

Dann mussten alle die Taschenlampen-App an ihrem Handy aktivieren und die haben es nach einer Rüge wegen mangelnder Beteiligung auch richtig schön gemacht. Zum Glück hatten sie es nicht alle in die Spree geworfen wie Casper in seinem vorangegangenen Song. Erstaunlich wie hell das dann war. Da hatte doch hinter mir tatsächlich einer ein richtiges Feuerzeug. Ich hatte schon die Finger auf der 112, musste aber gerade mit dem Handy leuchten und wedeln. Ich frage mich, wie ich damals heil aus dem Puhdys – Konzert gekommen bin, als es noch keine Handys gab und alle Feuerzeuge hatten!

Zwischendurch hat Casper auch ab und zu Mal eine Ansage gemacht ohne die „Arme hoch“ – Rufe. Wenn er nicht so laut ist hört man noch seine wahre Stimme, die ich als äußerst angenehm empfand. Man sagt, die Stimme sagt viel oder alles über die Persönlichkeit aus. Zumindest sagen das manche Chinesen, und ich glaube daran. Irgendwie passte die so gar nicht zu den Aufforderungen, Städte anzuzünden. Und irgendwie ist er mir dadurch sympathisch geworden. Es war mal wie ein kurzer Blick hinter eine Maske.

Natürlich hatte ich bemerkt, dass neben der Technik, die jetzt dort ist wo früher das Mischpult war, eine kleine Bühne aufgebaut war. Irgendwann würde er da sicher mal auftreten. Würde er sich in die Massen stürzen und die transportieren ihn dann auf den Händen da hin? Es gab vorher auch mal einen Probealarm, wo eine Gasse gebildet werden musste, ich glaub das hatte Fatoni initiiert. Aber nein, als die Musik mal allein weiterspielte und Casper verschwunden war, sah ich tatsächlich paar Leutchen mit Taschenlampen von der Seite her sich einen Weg durch die Zuschauer Richtung besagter Bühne bahnen. Die Zuschauer, denen er jetzt zum Greifen nah war, verhielten sich sehr anständig, soweit ich das sehen konnte. Die Bühne war noch in rotem Licht, die Musiker kaum zu sehen, da stand Casper dann im Dunkeln auf der kleinen Bühne und die Fans hatten das natürlich längst bemerkt und sich umgedreht. Der Schlusston kam, es wurde dunkel und dann stand Casper im Scheinwerferkegel und sang irgendwas „Kopfüber nach vorn“ usw., ich denke das war was Älteres. Aber hier konnte er sich nochmal so richtig den Fans zum Greifen nah entfalten und so astrein hiphoppen. Eher textlastig, nicht ganz so mein Ding, war aber trotzdem beeindruckend. Gut gemacht.

In den Texten geht es viel um brennende Städte und Sirenen und Faschisten, die Preise verteilen, die Casper natürlich gar nicht haben will. Bei Twitter klingt das wohl dann doch manchmal anders, wurde mir gesagt. Ich empfinde seine Texte alle als sehr negativ. Aber wenn er dann seine Wut so auslebt auf der Bühne, da kommt eben echt was dabei rüber. Vielleicht sollte man sie nicht ganz wörtlich nehmen. Am besten gefiel mir „Keine Angst“, das wurde einmal gut in Szene gesetzt und zumindest der Titel klingt doch erstmal positiv. Und aus den Worten, dass du das, was du jetzt bist, wo es dir doch gerade so schlecht geht, nicht für immer sein wirst, nicht du nicht ich, kann man doch irgendwie eine positive Botschaft entnehmen, wenn man will. Man kann das natürlich auch zynisch sehen, wenn morgen alles vorbei ist dann ist es schließlich auch egal. Sicherlich sehr autobiographisch, und da es ihm aber jetzt hoffentlich nicht so schlecht geht, halte ich die positive Variante für nicht ganz abwegig. Meist sind die besten diejenigen, die etwas erlebt haben was sie mitteilen müssen und das dann überzeugend tun. Ich empfinde auch das Video mit Drangsal und den David Lynch-mäßig überdreht tanzenden Leuten als sein bestes, wobei das eher nicht positiv ist. Trotzdem einfach genial.

 

Fazit ist, Casper konnte mich überzeugen. Er war nicht nur höchst professionell, er war auch sympathisch und einfach gut. Seine ganze Lichtshow war perfekt und bildete eine Einheit mit Musik und Bühnen-Performance. Ich war tief beeindruckt und auch mitgerissen.

Gut gemacht Casper!

Raven
Was denkt Raven wohl darüber?

 

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