Die Unlust auf Existenz

Ich möchte behaupten, von der Natur aus ist der Mensch eigentlich faul und wenn es ihm gut geht, möchte er das auch gern ausleben. Dummerweise existiert Mensch nicht unabhängig von der Gesellschaft und muss sich somit, einer mehr und einer weniger, in diese einpassen. Tut er das nicht wird seine TL blockiert und er ist nicht mehr existent.

Also sind wir alle, einer mehr und einer weniger, fleißig wie die Bienchen, versuchen nicht negativ aufzufallen, besser überhaupt nicht aufzufallen und bauen zielstrebig unser Kartenhaus auf. Schmücken es schön aus, malen es schön an (immer schöner als der Nachbar) und hoffen, dass da nicht irgendwie eine Karte weggezogen wird.

Das ist dann das Leben unserer Träume und wenn wir ordentlich viele Neider unser Eigen nennen, sind wir auch ganz glücklich damit. Gehören wir zu den Neidern, und das ist durchaus üblich, denn jeder neidet jedem irgendwas oder netter gesagt, jeder bewundert an anderen irgendwas, was er gern hätte und nicht hat und ist unzufrieden mit dieser Erkenntnis.

Manch einer macht sich auf um ein ihm gedachtes höheres Level in dieser Beziehung zu erreichen, bis er letztendlich ganz im Himmel steht und feststellt, dass es da auch nicht schön ist und manch anderer vesucht es erst garnicht, jammert auf eine andere Weise und weiß genau, dass es da auch nicht schön ist, wo er jetzt ist. Letztendlich breitet sich eine merkwürdige Unzufriedenheit aus.

Für das Besserfühlen bekommt man allerdings ganz viele Ratschläge aus allen Medienausprägungen, die man dann alle umsetzen kann, sofern man möchte. Ratet, wie das Ende davon ist!

ODER, man macht es einfach wie der Herr Bartleby. Der schien irgendwie keine Lust mehr zu haben zu existieren oder machte einfach mal einen Selbstversuch, wie weit man mit dem Satz „Ich möchte lieber nicht“ kommt.

Max Hubacher und Elias Popp haben uns auf erstklassige Weise Herman Melvilles brillantes Buch vor die Nase gehalten. Der Keller des Leipziger Schauspielhauses mit nur zwei Reihen Stühle bestückt, war dafür sehr gut ausgesucht. Ich habe überaus bewundert, wie die Beiden in dieser brillanten Art und Weise und mit soviel Selbstbewußtsein sich die einzelnen Textphrasen zuwarfen, so dass sie letzendlich zu einer Person zusammengefasst waren. Nein, ich bin nicht neidisch auf soviel Selbstbewußtsein…. naja, vielleicht ein kleines bisschen 😉

Ich lernte, für ein brillantes Theaterspiel bedurfte es weder teurer Kostüme, noch irgendwelcher Bühnenaufbauten oder großer Theatersäle. Dieses Stück geht überall und es bedarf „nur“ zwei so brillanter Darsteller und der Idee für solch eine spannende und bis ins kleinste Detail perfekte Umsetzung. Jetzt habe ich in letzter Zeit das Wort „spannend“ mächtig strapaziert für meinen Beurteilungswortschatz gesehener Kultur. Ich denke, damals habe ich das so gut wie nie genutzt, aber es wird immer wichtiger, weil es das Wort langweilig negiert und weil es Spreu vom Weizen trennt oder eben Interessantes von Uninteressantem. Allerdings auf meiner Website und in meinen Texten nur bezüglich meiner Meinung und die muss nicht und keineswegs die Meinung aller oder anderer sein. Bitte das zu beachten!

Interessant ist, wieviel Antrieb benötigt man um so ein Projekt durchzuziehen? Von der Idee bis hin zur Umsetzung. Wie macht man das? Welche Rollenspieler braucht man letztendlich dazu? Wie bekommt man Raum im Keller und auf dem Spielplan des Leipziger Schauspielhauses? Auf alle Fälle funktioniert das nicht mit dem Statement: „Ich möchte lieber nicht“.

Schauspiel Leipzig am 02.05.2018.
Schauspiel Leipzig am 02.05.2018.

Bartleby ist eine wirklich beeindruckende Figur und ich denke in uns allen irgendwie enthalten. Nur wir treiben es halt nicht bis zum bitteren Ende. Ein schönes Gedankenspiel, was der Herr Melville sich da so überlegt hat. Was ist, wenn man plötzlich keine Lust mehr hat. Den Schritt dann einfach aufzuhören wagen nicht viele, vor allem nicht, wenn es um die grundlegende Existenz geht. Das schafft nur ein starker Charakter, einer mit sehr viel Selbstbewußtsein, einer, wie Bartleby. Der ist halt swag genug um einfach aufzuhören, mit dem, was er nicht möchte. Allerdings ist es im Fall Bartleby wohl das Leben. Was den Charakter leider irgendwie zu einem Depressiven macht.

Schön zu beobachten, wie er seine Mitmenschen um ihn herum, in diesem Fall seinen Counterpart, den anständigen Wall Street Anwalt, damit komplett aus der Fassung bringt. Der weiß jetzt nicht, ob er ihn rausschmeißen sollte, was wahrscheinlich im „normalen“ wirtschaftlichen Leben passiert wäre, oder aber ob er „an ihm arbeiten sollte“, was es, auch, wenn man es nicht glaubt, im „normalen“ Leben gibt. Gradwanderung zwischen eigener, egoistischer Existenz und gesellschaftlich aufgedrücktem Gewissen, was in keinem Fall schlecht sein sollte. Oder sich schlecht anfühlen sollte und was uns dazu bringt, Menschen oder anderen Lebewesen helfen zu wollen, ob die wollen oder nicht. WEIL! Letzendlich gibt es uns ein gutes Gefühl. Das ist egoistisch, aber ok, denn manchmal ist dieser Egoismus  eine Win/ Win Situation, also für alle Beteiligten gut. Im Fall Bartleby sollte es aber so nicht funktionieren. Die einseitige „Ich möchte lieber nicht“ Kommunikation bringt unseren Anwalt nicht zum Ziel und dauernd in gesellschaftliche Bedrängnis. Denn wo diese erst verurteilte und ihn zu daraus resultierenden, merkwürdigen Handlungen trieb, verurteilte sie später, also das ganze Gegenteil. Aha! Gesellschaft scheint nicht in jedem Falle hilfreich und unterstützend zu sein. Wahrscheinlich in keinem Falle. Also warum legen wir soviel Wert drauf? Ok, wegen der TL Sache, wie am Anfang meines Textes beschrieben. Wären die gesellschaftlichen Nörgelein nicht gewesen, würde Bartleby immernoch beim Anwalt vor sich hin leben und wer weiß, vielleicht hätte sich sein Gemütszustand ja auch wieder geändert, wie es ja schon einmal der Fall gewesen ist.

Interessant ist auch, wie jemand nur durch seine bloße Existenz und minimalistische Handlung Menschen manipulieren kann. Naja, war wohl wirklich jemand mit Charisma, dass er den armen Anwalt so faszinierte.

Schade nur, dass er keine Motivation zum Leben hatte und einfach damit aufgehört hat.  

 

 

„Ich möchte lieber nicht“

 

Eure Jana

 

*Szenisches Projekt von und mit Max Hubacher und Elias Popp vom Studio Leipzig